Mälzels Magazin

Zeitschrift für Musikkultur in Regensburg

Schriftzug Mälzels Magazin
Hefte1998Nr. 2
mälzels magazin, Heft 2/1998, S. 14–16
URL: http://www.maelzels-magazin.de/1998/2_06_riedenburg.html

Jens Luckwaldt

Franz and friends

Eindrücke vom Sinfonischen Sommer Riedenburg, 13. bis 18. August 1998

„Wer ist Franz Hummel?“ wollte der Ordinarius für Musikwissenschaft einer großen deutschen Universität und Kenner neuer Musik wissen, als ich ihm vom Sinfonischen Sommer Riedenburg erzählte. Franz Hummel, Jahrgang 1939 und der Öffentlichkeit zunächst als Pianist bekannt, wußte in jüngerer Zeit als Opernkomponist bundesweit auf sich aufmerksam zu machen, zuletzt mit einem Beuys für Düsseldorf und Wien. Franz Hummel ist in Riedenburg im Altmühltal zuhause, und deshalb hat Riedenburg seit einem Jahr ein Festival mit einem Schwerpunkt auf neuer Musik. Und da Riedenburg auch noch manches andere zu bieten hat – drei malerische Burgen, ein Kristallmuseum, ein Weißbier, eine großzügige Schiffsanlege und einen hübschen Platz, kurz: alles, was es an Kulisse und Infrastruktur braucht –, findet das Event großen Zuspruch beim Publikum. Urlauber und Musikinteressierte aus der ganzen Region, vor allem aber viele Riedenburger kommen und zeigen sich begeistert von der Musik und dem ganzen Drumherum. Wie schon im Vorjahr waren auch diesmal an fast allen sechs Abenden die Reihen voll belegt, ausgenommen das zweite Konzert mit ausschließlich modernen Werken und der „Kammermusik-Marathon“, dessen Dauer wohl einige Besucher abgeschreckt hatte und der in Zukunft wohl besser auf das Wochenende gelegt werden sollte. Locken kann Riedenburg auch mit der künstlerischen Qualität: Unter den Interpreten finden sich vielversprechende junge Talente ebenso wie ganz große Namen. Letztere empfinden offenbar das hiesige Ambiente als Bereicherung zu ihren Auftritten in den renommierteren Musikzentren und verleihen ihrer freundschaftlichen Verbundenheit mit dem Veranstalter Ausdruck.

Jetzt, wo das Jahr 2000 näherrückt, wird vielerorts Rückschau auf das Jahrhundert gehalten, auch auf seine Musik. Wer dies tut, etwa im Rahmen eines Festivals, das wie in Riedenburg programmatisch „Beethoven und das 20. Jahrhundert“ überschrieben ist, muß sich nach seiner Sicht und Stellung fragen lassen. Allem Anschein nach sind für die in Riedenburg beheimatete Moderne die Grabenkämpfe darüber, was denn „zeitgemäß“ zu heißen verdient habe, noch voll im Gange. Zwar verkündet das Programmheft die schöne Maxime, es zählten „nicht Ideologie, sondern Konzeption, nicht Fantasie, sondern Können, nicht Spekulation und Erfolgsstreben, sondern Verinnerlichung und Qualitätsbewußtsein“. Doch: Hatte man schon erfreut zur Kenntnis genommen, daß beispielsweise mit Ravel, Strawinsky oder Strauss auch solche Komponisten Eingang in die Programme gefunden hatten, die die Moderne repräsentieren ohne der (im emphatischen Sinne) „Neuen Musik“ zuzugehören, so mußte man schon am ersten Abend erleben, daß der Veranstalter in seiner erläuternden Ansprache Arthur Honeggers Pacific 231 als Programmusik und Schmankerl fürs Publikum verächtlich machte und so sattsam bekannte Vorbehalte von sich gab gegen Musik, die nicht allein Zahl und Klang und Struktur sein will. Als handele es sich bei Pacific 231 nicht um einen Klassiker der Moderne, der wie wenige andere den Impetus der 20er Jahre und den musikalischen Futurismus widerspiegelt!

Ansonsten standen Werke von Berg, Messiaen oder Lutoslawski natürlich zu Recht für die Moderne, andere zentrale Namen suchte man vergeblich. Doch war wohl weniger ein großer Querschnitt beabsichtigt als eine vom Geschmack der Veranstalter bestimmte Auswahl. Gleiches galt für die Uraufführungen, die im wesentlichen von Franz Hummel und seinen Freunden bestritten wurden: Der Ungar Jószef Sári hatte für Riedenburg ein sinfonisches Con Spirito komponiert; Francesco Chiari stellte sich mit einem Concerto für Streichorchester vor, Margret Wolf mit Studies in Breath and Sound for Orchestra. Jedes für sich eigentümliche, aussagekräftige Stücke. Die große Linie, das Repräsentative mußte man freilich vermissen.

Auch die im Festivalmotto angesprochenen Linien von Beethoven zur Moderne ließen sich im Programm kaum auffinden. Neben Hummels Feststellung, Beethovens sei das Vorbild jeder individuellen schöpferischen Persönlichkeit, beschränkten sie sich auf eine Orchesterfassung der Bagatellen op. 126 und die allerdings pfiffige Idee, Beethovens 7. Symphonie, nach Richard Wagner die „Apotheose des Tanzes“, in einem Konzert mit La Valse zu kombinieren, Maurice Ravels Abgesang auf den Wiener Walzer. Zukunftsweisende Werke Beethovens, etwa seine späten Streichquartette und Sonaten, blieben ebenso ausgespart wie direkte Rückgriffe auf Beethoven im 20. Jahrhundert (hier hätten einem beispielsweise Gustav Mahlers Orchestrierungen, Mauricio Kagels Ludwig van oder Reiner Bredemeyers Bagatellen für B. einfallen können). Wenn das Festival seinem Anspruch, den Großstädten etwas entgegenzusetzen, auch inhaltlich gerecht werden will, scheint in Zukunft die programmatische Unterstützung durch einen kundigen Dramaturgen unerläßlich; er könnte sich auch Gedanken über ein attraktives Begleitprogramm mit Einführungsvorträgen, Lesungen und Filmvorführungen machen.

Begeistert hat die Leistung der beteiligten Musiker. Allen voran das Moskauer Sinfonieorchester, das an fünf der sechs Termine ein abendfüllendes Programm zu liefern hatte. Verdiente dies für sich allein genommen schon Anerkennung, so erscheint der hohe Anteil an schwierigen Stücken jenseits des gewohnten Repertoires geradezu als unerfüllbare Anforderung. Und doch bewältigten die Moskauer dies unter der Leitung Alexei Kornienkos nicht nur, sie hatten auch noch Kraft und Können, etwa Beethovens Symphonien in überzeugend schwungvollen und kontrastreichen Interpretationen mit manch schön ausgearbeitetem Übergang darzubieten. Verläßlich und wach, war das Orchester auch ein kongenialer Begleiter der angereisten Solisten. Ihre Auftritte wurden so zu den Höhepunkten des Festivals.

Gustav Rivinius spielte am zweiten Abend das Violoncellokonzert von Witold Lutoslawski. Seine souveräne und doch mit vollem Körpereinsatz erkämpfte Beherrschung des Soloparts verbreitete eine elektrisierende Spannung. Lutoslawskis Werk, zwar konventionell im Zuschnitt und doch aufregend in seinen ungewöhnlichen, oft herben und schroffen Klängen, zeigte zudem auf, was den meisten der in Riedenburg uraufgeführten Stücke fehlte: die Zeit, ein musikalisches Moment (einen Klang, ein Motiv, eine Stimmung) in Ruhe zu entfalten und eines aus dem anderen hervorgehen zu lassen, ohne sofort die Gegensätze nebeneinander zu stellen oder gleichzeitig erklingen zu lassen. Ähnliches gilt für Alban Bergs Violinkonzert, im Abschlußkonzert dargeboten von Ulf Hoelscher. Der Geiger verzichtete auf alles Süßliche, Verfeinerte und unterstrich mit seinem schonungslos direkten Ton die Radikalität und Modernität des Werkes.

Weitaus kulinarischer geriet der Auftritt Giora Feidmanns. In Ernest Blochs „hebräischer Rhapsodie“ Schelomo interpretierte der Starklarinettist den eigentlich für Violoncello geschriebenen Solopart auf der Baßklarinette; außerdem hatte ihm Hummel eigens ein neues Werk gewidmet: Hatikva bezieht seine Substanz aus der israelischen Nationalhymne und ist eine Art langer, kaum je chromatisch getrübter oder in Steigerungen ausbrechender Klagegesang für Soloklarinette und Orchester. Ein ideales Programm für Feidmann, der sich gern zwischen traditionell jüdischer und klassisch abendländischer Musik bewegt und sich als Vermittler zwischen den Menschen und Religionen versteht. Daß der große Künstler unbedingt neben einem deutschen Mädchen auf der Bühne stehen wollte und sich deshalb zum Umblättern ein rechtes Gretchen ausgesucht hatte, dem er immer wieder über den Blondschopf strich, tat der guten Absicht nur wenig Abbruch und entspricht ganz der sentimentalischen Musikauffassung Feidmanns. Seine Klarinette singt nicht nur, sie schluchzt, kichert, wimmert, kreischt, schwärmt, flüstert und stöhnt. Obendrein gelang es Feidmann mühelos, das ansonsten zwar gebannte, doch passive Publikum zum Mitmachen zu animieren: Erst, indem er als Einleitung zu Hatikva über einem gesummten Ton des Publikums ein „Gebet“ auf seinem Instrument improvisierte; schließlich, indem er bei der Zugabe das „Dona, dona, dona“ mitsingen ließ. Bewegt, spendete man dem Künstler stehende Ovationen.

In solchen Momenten scheint auf, warum der Sinfonische Sommer Riedenburg eine so große Anziehungskraft besitzt und warum so viele Leute bei verhältnismäßig hohen Eintrittspreisen, eingeschränkter Akustik und bisweilen empfindlicher Nachtkühle ausgerechnet moderner Musik lauschen wollen. Es ist das Gefühl, „ganz dicht dran“ und in das Geschehen einbezogen zu sein, eine Art Familientreffen oder musikalischer Salon im Großen. Die direkte Ansprache, das allabendliche Wiedersehen, die Möglichkeit, die Musiker bei den Proben oder nach dem Konzert in der Wirtschaft zu erleben, auch die Beteiligung vieler junger Künstler verringern die Distanz, die üblicherweise und ganz besonders bei neuer Musik das Verhältnis von Bühne zu Publikum bestimmt. Und wenn das Wetter so gute Miene macht wie diesmal, besitzt Riedenburg natürlich den Reiz und die Ungezwungenheit jeder sommerlichen Open-Air-Veranstaltung. Unter einem gestirnten Himmel gerät man leicht in Urlaubsstimmung, und wenn es einem von der Bühne gar zu modern klingt, so kann man statt dessen einer Grille lauschen oder einer Glocke in der Ferne, kann einfach nur beobachten, wie am Rande Kanapees für die Pause zubereitet werden oder welches Kleid Frau Soundso heute abend trägt. Die Riedenburger jedenfalls lieben und feiern „ihren Franz“ für ein Spektakel, das in der Region seinesgleichen nicht hat.

© mälzels magazin 1998–2005
Alle Rechte vorbehalten.
© mälzels magazin 1998–2005