Mälzels Magazin

Zeitschrift für Musikkultur in Regensburg

Schriftzug Mälzels Magazin
Hefte2001Nr. 1
mälzels magazin, Heft 1/2001, S. 14–16
URL: http://www.maelzels-magazin.de/2001/1_06_schrems.html

Alois Späth

Dr.-Theobald-Schrems-Straße

Regensburger Musikgeschichte in Straßennamen

Direkt an das Gelände des Musikgymnasiums der Regensburger Domspatzen angrenzend liegt die Dr.-Theobald-Schrems-Straße, benannt nach dem Domkapellmeister, der diesen Bau initiierte und der den darin behausten Knabenchor weltberühmt machte. Diese topographisch enge Verbindung zu „seinen Buben“ ist eine fast privat anmutende posthume Ehrung ganz besonderer Art. Wenn man in „seiner“ Straße steht und auf das Schul- und Internatsgebäude der Domspatzen blickt, läuft vor dem inneren geistigen Auge das Leben und Wirken eines Mannes ab, dem so viele Wege im Leben wahrlich nicht geebnet waren, der aber mit hartnäckigem Blick nach vorne immer wieder die von ihm gesteckten Ziele für seinen Domchor erreichte und dies mit einem eisernen Willen, der diejenigen, die heute nicht um Schrems’ musikalische Ideale und seine geistige, ja tiefreligiöse Haltung wissen, nur erstaunen kann.

Theobald Schrems wurde am 17. Februar 1893 in Mitterteich geboren. Er war das fünfte Kind von Johann Baptist Schrems und seiner Ehefrau Maria Magdalena. Der Vater starb schon 1895, so daß es die Mutter war, die in ihrer energischen und tatkräftigen Art, aber auch in ihrer Frömmigkeit die geistige Grundhaltung ihres Sohnes entscheidend formte. Kaum ausgeprägt war wohl der musikalische Einfluß seitens der Familie auf Theobald, der schon in frühester Jugend eine starke Neigung zur Musik, besonders zum Klavierspiel verspürte. Erstmals ausleben konnte Schrems seinen Hang zur Musik, als er nach der Absolvierung der Werktagsschule in seiner Heimatstadt das Alte Gymnasium in Regensburg (heutiges Albertus-Magnus-Gymnasium) von 1899–1903 besuchte und in das dortige Bischöfliche Knabenseminar Obermünster eintrat. Als 17jähriger Zögling hatte er es nach dem Bekunden des damaligen Seminardirektors Maximilian Köppl schon zu einer beginnenden Meisterschaft im Klavierspiel gebracht. Und als er nach dem Ablegen der Reifeprüfung im Jahr 1912 am Königlich Bayerischen Lyzeum in Regensburg mit dem Studium der Philosophie und Theologie begann, nutzte er vornehmlich die Zeit während der Semesterferien, um neben der wissenschaftlichen Ausbildung seine musikalische Entwicklung am Instrument voranzutreiben.

Am 29. Juni 1917 zum Priester geweiht, wurde Schrems nach dreijähriger Tätigkeit im Gemeindedienst am 12. April 1920 aufgrund seiner offensichtlichen hohen musikalischen Begabung als Präfekt und Musikpädagoge an das bischöfliche Knabenseminar Obermünster berufen. Hier konnte er erstmals musikerzieherische Pläne entwickeln und innerhalb kürzester Zeit mit einem leistungsfähigen Chor sowie einem Orchester große Erfolge vorweisen. Doch kam es zwischen Schrems und Seminardirektor Köppl, der gerade durch den Übereifer von Schrems den Anteil an musikalischer Ausbildung innerhalb des Seminars zunehmend im Übergewicht sah, bald zu Spannungen, was Schrems einmal in einem Brief an das bischöfliche Ordinariat veranlaßte zu schreiben: „Ich bin nun nicht gesonnen meine Ideale preiszugeben, zumal ich gesehen, wie viel sich bei den jungen Leuten erreichen ließe, wenn man nur versteht ihren Eifer und ihre Begeisterung zu wecken.“

Wie sehr Schrems diesen musikpädagogischen Idealismus brauchen konnte, zeigte sich im Jahre 1924. Nachdem er schon in der Karwoche den bereits schwerkranken Domkapellmeister Franz Xaver Engelhart vertreten und mit seinem relativ ungeschulten Seminarchor anstelle des zu dieser Zeit nicht musizierfähigen Domchors die musikalische Gestaltung der Liturgie übernommen hatte, wurde er am 25. Juli 1924 nach dem Tod Engelharts zum neuen Domkapellmeister ernannt. Gleichzeitig wurde ihm die Dompräbende – damals noch in der Nähe der Niedermünsterkirche gelegen – vom damaligen Weihbischof mit folgenden Worten übergeben: „Sehen sie zu wie sie zurechtkommen, geben können wir ihnen nichts.“

Weder diese lapidare Aussage, noch der bedrohliche Zustand, in dem sich der Domchor zu dieser Zeit befand, konnten Schrems jedoch davon abhalten, mit Hartnäckigkeit, einem unendlich scheinenden Idealismus und eisernem Willen sowohl den Wiederaufbau des Domchors einzuleiten als auch den Aufbau der späteren Institution der Regensburger Domspatzen in Gang zu setzen, was anhand einiger Stationen beleuchtet werden soll: Im Jahr 1925 wurde bei einer Wiedersehensfeier ehemaliger Domspatzen und Freunde des Regensburger Domchors von Domkapellmeister Schrems die schwierige Lage des Domchors angesprochen und daraufhin ohne Zögern der Verein „Freunde des Regensburger Domchors“ gegründet mit dem Ziel, das gefährdete Singknabeninstitut mit finanziellen Mitteln zu stützen. Während er sich in der Folgezeit intensivst dem Wiederaufbau des Chores widmete, begann der Domkapellmeister, um die mit seinem Amt verbundene Lehrtätigkeit an der Regensburger Kirchenmusikschule ausüben zu können, in Berlin an der Staatlichen Akademie für Schul- und Kirchenmusik als Hospitant ein Studium, das er ausgezeichnet abschloß und dem er 1928 bei dem Choralforscher Peter Wagner an der Universität Freiburg in der Schweiz eine Promotion mit dem Thema „Der gregorianische Choral in den protestantischen Gottesdiensten“ folgen ließ.

1927 konnte Schrems den Akademieprofessor Richard Schmid dafür gewinnen, die Domsänger in Stimmbildung und Sologesang zu unterrichten, was sich in der Folgezeit sehr positiv bemerkbar machte. Während Schrems mit seinem Chor unter absoluter Priorität den Dienst im Dom gemäß dem „Motu proprio“ des Papstes Pius X. von 1903 und der „Regensburger Tradition“ vornehmlich mit gregorianischem Choral und Werken der klassischen Vokalpolyphonie versah, baute er nach 1928 die rege Konzerttätigkeit der Domspatzen aus und versuchte in den Konzertprogrammen sowohl bedeutende Werke der Kirchenmusik einem größeren Hörerkreis näher zu bringen, als auch dem deutschen Volkslied eine intensive Pflege zukommen zu lassen. Zwischen 1928 und 1961 standen fast jedes Jahr zum Teil umfangreiche Konzertreisen auf dem Programm. Neben zahlreichen Auftritten im deutschsprachigen Raum bereiste man unter Theobald Schrems Länder wie Italien, Holland, Luxemburg, Ungarn, Rumänien, Belgien, Frankreich, Spanien oder Portugal und gewann überall in Konzertsälen und Kirchen die Herzen der Zuhörer und Kritiker. Einen Höhepunkt bildete die Südamerikareise im Jahr 1937 mit 48 Konzerten in Argentinien, Uruguay und Brasilien. Die Aufführung der Oper „Hänsel und Gretel“ mit Knabensolisten begründete neben den Konzertreisen den Weltruf der Domspatzen und zeigte zudem, wie fundiert die stimmliche Ausbildung der Knaben wohl sein mußte, wenn sie stimmlich derart schwierige Partien fast mühelos bewältigten. Aber auch der Chor konnte zu seinem Repertoire so anspruchsvolle Werke wie Brahms’ „Deutsches Requiem“, Beethovens „Missa Solemnis“ oder Bruckners „Te Deum“ zählen.

Die Beleuchtung des musikalischen Wiederaufstiegs des Domchors unter Theobald Schrems verdeckt beinahe die organisatorischen Anstrengungen, die er während all dieser Jahre machte, um ein Ziel zu erreichen: Den Bau eines Musikgymnasiums, das nach Art der alten Dom-, Pfarr- und Klosterschulen Internat, schulische und musikalische, hier insbesondere chorische Ausbildung unter einem Dach vereinte. Für dieses Vorhaben begann die Planung schon 1937. Nachdem aber der Chor zwischenzeitlich kurz vor der Zerschlagung durch den nationalsozialistischen Staat stand und zum Ende des zweiten Weltkrieges gar nur noch sieben Seminaristen den Dienst im Dom bestritten, mußte wieder ein Neuaufbau des Chores begonnen werden, dem am 8. November 1952 die Grundsteinlegung zum Gebäude des Musikgymnasiums der Regensburger Domspatzen folgte.

Als Theobald Schrems am 15. November 1963 starb, mußte sich seine starke Natur einer Krankheit beugen, die ihn schon seit 1961 dazu veranlaßte die Leitung des Chores bei Konzertreisen, Domdienst und anderen chorischen Verpflichtungen seinem Neffen Hans Schrems zu übergeben. Trotz dieser gesundheitlichen Beeinträchtigung probte er aber mit seinem Chor unermüdlich, ja sogar als sein Zustand eine aktive Probenarbeit nicht mehr zuließ, wohnte er noch den Proben bei: Mit äußerstem musikalischem Idealismus und mit eisernem Willen, herrührend aus einer noch tieferliegenden Kraft.


Literatur:
Die Regensburger Domspatzen. Begegnungen mit Theobald Schrems, hrsg. von Chr. Erkes, Lahr 1993
1000 Jahre Regensburger Domspatzen. Festschrift zum 1000jährigen Bestehen der Regensburger Domspatzen und zum 50jährigen Bestehen des Vereins „Freunde des Regensburger Domchors“ e.V., Regensburg 1976
Musicus – Magister. Festgabe für Theobald Schrems zur Vollendung des 70. Lebensjahres, hrsg. von G. P. Köllner, Regensburg 1963

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