Mälzels Magazin

Zeitschrift für Musikkultur in Regensburg

Schriftzug Mälzels Magazin
Hefte1999Nr. 1
mälzels magazin, Heft 1/1999, S. 6–10
URL: http://www.maelzels-magazin.de/1999/1_04_hummel.html

Monika Angerer

Franz Hummel: Von König Ubu bis Ludwig II.

Das bayrische Urgestein Franz Hummel arbeitet momentan wieder an einer Komposition: Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies. Da es sich hier um ein Musical handelt, rauscht es seit einiger Zeit mächtig im deutschen Blätterwald. Jeder fragt sich – von besorgt bis hämisch – wie dieser renommierte Komponist von modernen Musiktheaterwerken sich auf das Genre der Unterhaltungsmusik einlassen kann. Franz Hummel, in einer SZ-Kritik einmal als „radikalster Outsider“ bezeichnet, kann und er steht dazu. Sein bisheriger Lebens- und Karriereverlauf zeigt, daß er immer wieder Neues ausprobiert hat und mit seinen Projekten erfolgreich war.

1939 in Schwabmünchen (Bayern) geboren, wurde Hummel schon als Kind von Richard Strauss und Eugen Papst gefördert, d. h. diese empfahlen ihn Elly Ney, die ihn zum Pianisten ausbildete, und Erich Söndermann, der ihn in Musiktheorie und Komposition unterwies. Mit elf Jahren gab er erste öffentliche Klavierabende, als dreizehnjähriger trat er seine erste Deutschlandtournee an und genoß im gleichen Jahr sporadischen Kompositionsunterricht bei Karl Amadeus Hartmann. Gerade 19jährig spielte er, auf Empfehlung von Hans Knappertsbusch, erste Schallplatten ein mit Werken von Beethoven, Brahms und Liszt. Seine musikalischen Studien setzte er in Salzburg bei Hans Ehlers (Klavier) und in London bei Jiri Weis (Komposition) fort.

Seine Karriere begann er also als Pianist. Daß zu diesem Zeitpunkt schon Kompositionen (vier Sinfonien, Klavier- und Kammermusik und die Oper Coriolan nach Texten von Shakespeare) von ihm existierten, ist heute eher unbekannt. Franz Hummel tourte erfolgreich als Pianist durch alle europäischen Länder und Rußland. Von Anfang an trat er als überzeugter Vertreter der Neuen Musik auf und zerstritt sich lieber mit Agenten und Veranstaltern, als einen seiner Auftritte ohne moderne Kompositionen zu absolvieren.

Von 1959–1963 entstanden zahlreiche Schallplattenaufnahmen, Rundfunk- und Fernsehaufzeichnungen, gleichzeitig begab sich Hummel auf internationale Tourneen, studierte bei René Leibowitz in Paris Komposition und komponierte selbst.

Im Jahr 1975 vollzog der bekannte Pianist Franz Hummel den großen Schnitt in seiner Musikerlaufbahn. Nachdem er die sechzigste Schallplatte aufgenommen hatte, verabschiedete er sich ganz vom öffentlichen Interpretendasein und war von da an ausschließlich als Komponist tätig. In den folgenden Jahren konzentrierte er sich auf die zahlreichen Aufführungen seiner Werke – Konzerte, Sinfonien, Kammermusik und Musiktheater – im In- und Ausland. Vor allem durch seine Opern ist der Komponist Franz Hummel bekannt geworden. Hier, auf dem Gebiet des Musiktheaters, schuf er mit seinen Kammeropern eine neue Ästhetik.

Richtig Furore machten die Opern König Ubu und Blaubart, beide 1984 uraufgeführt. König Ubu – Libretto von Roland Lillie nach dem gleichnamigen Schauspiel von Alfred Jarry – beschäftigt sich mit der Realität des täglichen Lebens und ihrer Trivialität und Brutalität. Mutter Ubu bringt ihren Mann, den Herzog von Aragonien dazu, den polnischen König Wenzeslaus zu ermorden und sich so die polnische Krone unter den Nagel zu reißen. Als Ubu an der Macht ist, zieht er durchs Land, um Adel und Magistrat niederzumetzeln (sie könnten ihm ja gefährlich werden) und Bürger und Bauern auszubeuten. Von einem Regiment des Zaren Alexis wird die Familie Ubu schließlich verfolgt, sie kann aber fliehen. Die erfolgreiche Uraufführung von König Ubu am Landestheater Salzburg wurde im Salzburger Tageblatt folgendermaßen besprochen: „... König Ubu, die Paarung von Verwerflichkeit und Staatsaktion, und das in Rokoko-Lieblichkeit. [...] Insgesamt ein Werk, dem an Wirksamkeit nichts mangelt, ein Werk, das, analog zu Lulu und Baal, sowohl gespielt wie auch gesehen werden muß.“

Blaubart wurde nach seiner Uraufführung 1984 in Frankfurt am Main in fast allen großen Städten Europas gespielt. Das Libretto schrieb Susan Oswell auf Grundlage von Sigmund Freuds Bruchstück einer hysterischen Analyse und Georg Trakls fragmentarischem Puppenspiel Blaubart. „Blaubart“ steht hier für das von Sigmund Freud ausgelöste Angstsyndrom seiner Patientin Dora. Zu Franz Hummels Musik schrieb die Basler Zeitung 1984: „... Die Musik, die Franz Hummel zu diesem Stoff geschrieben hat, ist von erstaunlicher Prägnanz und einer Entschiedenheit, die in der zeitgenössischen Musik selten geworden ist“.

Skandalträchtig war Hummels Oper Luzifer, welche sich mit dem Arzt und Schriftsteller Oskar Panizza beschäftigte. Letzterer ließ sich für sein Schauspiel Das Liebeskonzil (worin er die katholische Geistlichkeit, autobiographisch motiviert, kritisierte) ins Gefängnis werfen und ging später freiwillig ins Irrenhaus. Im Libretto von Christian Fuchs wird die Gespaltenheit des Helden durch eine Gleichzeitigkeit seiner selbst vermittelt (Oskar als Knabe, Sänger im Käfig, Irrenarzt und Dichter). Die Uraufführung von Luzifer im Mai 1987 versuchte eine Bürgerbewegung militanter Christen in Ulm zu verhindern. Der Grund: Gott persönlich hat eine der Rollen in der Oper und zwar als vertrottelter, hustender Opa. Eine Zeitungsstimme zu dieser Kammeroper Hummels: „Die Musik ist von unheimlicher Vielfalt, Suggestivkraft und immer wieder auch einer geradezu analytischen Tiefenschärfe. Wiederholungsmuster bekommen die Charakteristik zwanghafter, attackierender Formeln, die sich ins Bewußtsein hineinbohren. Neben Wolfgang Rihms Hamletmaschine ist Hummels Luzifer zweifellos das Exponierteste und Eindrücklichste, was zeitgenössisches Musiktheater in den letzten Jahren neu hervorbrachte ...“

Interessant auch Hummels Kammeroper An der schönen blauen Donau, uraufgeführt 1993 in Klagenfurt. Ähnlich wie Ödön von Horvath in seinen Geschichten aus dem Wienerwald bediente sich der Komponist hier eines irreführend idyllischen Titels. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter das Lebensdrama der Regensburger Lehrerin Elli Maldaque, die Horvath zum Thema eines nicht vollendeten Schauspiels machte. Sie wurde in den dreißiger Jahren vom Staat bespitzelt, vom Schuldienst suspendiert und gegen ihren Willen in die psychiatrische Anstalt Karthaus-Prüll gebracht, wo sie kurze Zeit später unter dubiosen Umständen starb. Das alles geschah, weil sie Anhängerin der Kommunisten war und auf deren Veranstaltungen Klavier gespielt hatte. Das Libretto zu dieser Kammeroper stammt von Elisabeth Gutjahr.

Mit seinem Kammer-Musiktheater Gorbatschow (Libretto von Thomas Körner) betrat Franz Hummel 1994 wieder thematisches Neuland. Man stellte sich damals die Frage, ob man eine noch lebende politische Person einfach zum Helden einer Oper machen könne. Hummel tat es, und zwar ironisierend und mit großem Erfolg. Uraufgeführt wurde Gorbatschow 1994 im Opernhaus Bonn. Die Thematik wird in Form einer fragmentarischen Klavierprobe mit den Hauptdarstellern eines biographischen Musiktheaters zur Kultfigur Gorbi dargestellt – ein kluger und witziger Kunstgriff. Die Zeit schwärmt am 1. Juli 1994: „Die Musik: eine bravourös zusammengerührte Mischung aus modisch Repetitivem und Stil-Zitaten zwischen Chopin und Schostakowitsch, aus Parodie und demonstrativer Chiffre, aus Affektivem und dann wieder nur beiläufig Nebenher-Laufendem. So interpretiert einerseits unsere Kenntnis der historischen Vorgänge deren Rekapitulation auf der Probebühne, so ironisiert sich aber auch der Vorgang selber – und schnell erhalten Scherz und Satire ihre tiefere Bedeutung.“

Franz Hummel ist also besonders durch seine Opern, Kammeropern und Musiktheater bekannt geworden, er hat aber natürlich auch auf anderen Gattungsebenen gewirkt. Auf dem Gebiet der Kammermusik wären zu nennen die Pasolini-Sinfonie (für Blechbläser und Sprecher, 1983), Tantalus lächelt (ein Konzert für Orgel solo, 1987), Archipelagos (Sonate für Klavier, 1987) oder das Goldberg-Duo (für Violine und Violoncello, 1991). Weniger bekannt dürfte sein, daß Franz Hummel auch einige Ballettmusiken verfaßt hat, so z. B. Ecce homo (Ballett, 1979), Egmont (Tanztheater, 1982), Orpheus (Tanztheater, 1983), Sallad (Opernparodie, 1983) oder Winter ade (Tanztheater, 1984). Viele seiner Kompositionen vor allem der 80er und 90er Jahre sind Auftragswerke. So entstand z. B. die Ballade für Violine, Streichorchester und Cembalo als Pflichtstück für den Oistrach-Wettbewerb, ein Klavierkonzert für zwei linke Hände und Orchester für die Alte Oper Frankfurt oder Etüden für Violoncello und Orchester im Auftrag des Bayerischen Rundfunks, bzw. Archeopterix (Konzert für Violine und Orchester, 1987) für den Südwestfunk. Hummel hat auch direkt für bedeutende zeitgenössische Solisten geschrieben, so z. B. zwei Violinkonzerte für Ulf Hoelscher, ein Violoncellokonzert für Heinrich Schiff, zwei Klavierkonzerte für die Pianistin konzerte für die Pianistin Carmen Piazzini und nicht zu vergessen, das große Violakonzert für Rivka Golani. Dieses programmatisch Hatikva betitelte Konzert erinnert an die Opfer des Dritten Reichs, Hummel hat in ihm die gleichnamige israelische Nationalhymne verarbeitet. Dieses Konzert konnten die Besucher des 2. Sinfonischen Sommers Riedenburg in einer für Giora Feidman realisierten Version für Klarinette und Orchester hören (siehe Bericht MM 2/98).

Mit dem Stichwort Sinfonischer Sommer Riedenburg sind wir thematisch wieder an einem Punkt angelangt, wo Franz Hummel etwas scheinbar verrücktes und undurchführbares hartnäckig geplant, durchgeführt und erfolgreich etabliert hat. Niemand mochte glauben, daß in einer beschaulichen bayerischen Kleinstadt ein Festival für Neue Musik auf große Resonanz stoßen würde, doch Franz Hummel probierte es und die Zuhörer kamen.

Das neueste Projekt von Franz Hummel ist, wie gesagt, wieder einmal etwas ganz anderes: die Komposition eines Musicals über das Leben König Ludwigs II. Eigentlich sollte der Liedermacher Konstantin Wecker diese Aufgabe übernehmen, doch wie man in einem Artikel der Mittelbayrischen Zeitung lesen konnte, soll dieser wegen Bedenken bezüglich der Umweltverträglichkeit des Bauvorhabens aus dem Projekt ausgestiegen sein. Franz Hummel hat sich, als er von Weckers Ausstieg erfuhr, direkt an den Ideenträger und zukünftigen Intendanten des Musical Theaters Neuschwanstein gewandt und gemeint: „ich mache das und kann es sowieso besser als Konstantin Wecker“. An Selbstbewußtsein hat es ihm noch nie gemangelt.

Das ganze Projekt Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies stellt ein gigantisches Unterfangen dar. Eine Ecke des Forggensees wurde mit Tonnen von Kies aufgeschüttet, um das Festspielhaus mit Blick auf Schloß Neuschwanstein darauf bauen zu können. Nach dem Vorbild des Bayreuther Festspielhauses wird es einen amphitheatralischen Zuschauerraum erhalten. In den Außenflügeln des Gebäudes sollen Gerichte nach Rezepten der königlichen Schloßküche kredenzt werden, kleine Ausstellungen zum Thema Ludwig II. zu sehen und Souvenirs zu kaufen sein. Inhaltlich bringt das Musical mehrere Themenkomplexe, die in Ludwigs Leben wichtig waren. So kommt seine Freundschaft mit Sissy und Richard Wagner vor oder die spannungsreiche Beziehung zu Bismarck.

Es hat etwas Komisches, daß in dem kleinen Werbefaltblatt zum Musical zwar die (zu erwartende) hinreißende Musik angepriesen wird, aber Franz Hummel als Komponist dieser Musik mit keiner Silbe erwähnt wird.

Franz Hummel muß, seit es in der Öffentlichkeit bekannt ist, daß er dieses Musical schreibt, reichlich Kritik seitens seiner Komponistenkollegen erdulden. In einer Diskussion zum Thema Kitsch in der Serie [9/10] Thema Musik Live am 8.12.1998 (Bayern 2) nahm er dazu Stellung. Er als heftiger Ablehner alles Unechten, also auch des Kitschigen, wurde gefragt, wie er denn mit „Kitsch“ im Zusammenhang mit dem Stoff seiner Musicalproduktion und der andauernden Kritik durch seine Kollegen zurechtkomme. Die Reaktion war folgende:

Hummel könne alle seine Kollegen, die ihn des Kitsches verdächtigen, verstehen, denn sie täten dies zu Recht. Er selbst möchte das Wort „Musical“ gar nicht mehr in den Mund nehmen. Daß das „Ding“ jetzt Musical heiße, sei eine Zeiterscheinung, gegen die er sich nicht habe durchsetzen können. Er betrachte den Stoff und seine Vertonung als ernstes Thema. Seine musikalischen Gefühle seien wie immer wahr, auch wenn er in einfachen Worten komponiere, sei seine Musiksprache nicht anbiedernd weich gespült. Er hoffe, daß ihm das Projekt gelingen werde. Doch selbst wenn nicht, hätte er immer noch den Vorteil vor seinen Kollegen, daß er wirklich auf die Nase gefallen sei und nicht nur geschwätzt habe.

Die Premiere des Gesamtkunstwerks soll im Dezember 1999 stattfinden – lassen wir uns überraschen.

Alle Werkangaben und Kritikzitate aus der Dokumentation: Franz Hummel, Oper – Kammeroper. Accent Musikverlag, Regensburg 1995

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